Gedankenboote, Taktzählhufe, Dezember 2012

7/09/13

Sie haben immer davon geredet, wie wichtig es ihnen gewesen sei und wie sie es sich nicht hätten vorstellen können, ohne zu leben. Sie haben das mit Luft- und Lichtanalogien zu erklären versucht und diese auch bis in jedes Silbenende perfektioniert und rhetorisch einstudiert. Sie haben dich oft gefragt, wie es denn bei dir gewesen sei, ob du auch zu denen gehört habest, die am Puls der Zeit die Rhythmen der Stunde gefühlt haben. Dir sind diese Fragen immer sehr aufdringlich vorgekommen, weil die Sache schon ziemlich persönlicher Natur gewesen ist. Sie haben nicht locker gelassen und deshalb hast du dir halt eines Tages Zeit genommen, ein wenig darüber zu sinnieren. Dir ist es schwer gefallen auch nur daran zu denken, in Worte zu fassen, was du erlebt hast. Du bist meist einfach hinweg getragen worden, da Worte nutzlos geworden sind. Du hast es trotzdem mal versucht.
Deine Gedanken sind auf den akustischen Wellen geflogen. Wie schnelle kleine Segelboote ohne Ziel. Es ist nicht etwa eine Regatta gewesen, denn es ist nicht darum gegangen, möglichst schnell irgendwo gewesen zu sein, sondern überhaupt gewesen zu sein. Daher ist es auch egal, ob überhaupt Wind geweht hat. Gedankenwind, versteht sich. Und weil es egal gewesen ist, ist auch jedes Segelboot viel schneller geflogen, als wenn der Wind auch tatsächlich da gewesen wäre. Wer sieht denn schon Gedankenboote mit Wind segeln, geschweige denn fliegen? Eben das hast du ja gemeint. Du hast dir das so vorgestellt, wie eine gerasterte Fläche, die aber von Wellenkämmen durchzogen gewesen ist. Die Wellenkämme kann man sich schon so vorstellen wie Haarkämme, ausser, dass sie eben aus Wellen bestehen. Hast du gesagt. Weil die Wellenkämme eben konkrete Abbilder des Rhythmus gewesen sind, während die Farbe der Ebene die Melodie dargestellt hat. Bei der Melodie ist es ja einfach gewesen, da haben die Schattierungen je nach Tonfärbung gewechselt und sind ineinander übergegangen. Manchmal sind die Segelboote auch Pferde gewesen, besonders dann, wenn der Rhythmus wichtig geworden ist. Die Hufe haben ihn dann aufgenommen, den Rhythmus und je nachdem, welche Taktzählweise verwendet worden ist, haben die Pferde dann vier oder fünf oder halt auch mal sechs Beine gehabt, um damit vorwärts geprescht zu sein. Die Pferde mit mehr als vier Beinen haben dir immer besonders gut gefallen. Die haben eine verrückte Eleganz an den Tag gelegt. Und bei den Farben der Wellenebene sind es immer die subtilen zurückhaltenden Kolorits gewesen, die dich begeistert haben, besonders in Kombination mit den Wellenkämmen, die so hoch aufgespritzt sind, dass du geglaubt hast, sie würden nie mehr wieder in sich zusammen fallen.
Aber eigentlich hast du sagen müssen, dass du dir diese Erklärung ein wenig zusammengesponnen hast. In Wirklichkeit ist es nicht so einfach gewesen. Und vielleicht sind die Segelboote eigentlich Pferde gewesen; mit Segeln an den Nüstern und Takelagen an Stelle ihrer Mähnen. Pferde, die auf einer Strasse galoppiert sind, auf welcher die Überholspurlinien den Takt abgebildet haben. Und was ursprünglich Pferde gewesen sind, ist zu Motorbooten geworden, bei denen je nach Anzahl der Motoren die Melodie Einfluss genommen hat auf die Drehzahl der Schrauben und die Boote sich somit öfters mal im Kreis gedreht haben, da die Schiffsschrauben an der einen Aussenseite des Bootes schneller gedreht haben, als jene auf der anderen Seite. Das ist bedingt durch den Frequenzgang des menschlichen Gehörs, hast du eine wissenschaftliche Studie zitiert, die sich eingängig mit diesem Phänomen der Transformation beschäftigt hat.
Auch dieser Darstellung hast du mögliche Unrechtmässigkeiten attestiert. Wie du wohl auf Pferde mit Segeln an den Nüstern gekommen bist, hast du rhetorisch gefragt und deshalb auch keine Antwort bekommen. Also ist die ganze Schilderung eigentlich müssig gewesen. Da du hast zugeben müssen, dass du eigentlich keine Ahnung gehabt hast, was genau vor sich gegangen ist, nur dass es eben nicht so einfach gewesen ist, das auch in Worte gefasst zu haben.
Sie haben es dir trotzdem abgenommen. Sei es auch nur, weil sie ihrer Situation selber nicht sicher gewesen sind. Die Frage, ob nun Pferde wirklich Segel an ihren Nüstern haben können, hat sie in Rage gebracht. Du hast sie beruhigen müssen. Sie haben auf dich gehört. Weil eigentlich hast du ihnen schon Eindruck gemacht. Sie haben gemerkt, wie offen das Feld in Sachen Gedankenboote und Taktzählhufe doch gewesen ist. Und dabei müssten sie es noch nicht einmal darauf reduzieren. Das hast du ihnen so auch gesagt. Das Feld ist auch für sie offen gewesen. Sie haben nur die richtige Pforte wählen müssen. Diese ist immer schon offen gewesen. Das hat es dir anfangs auch leicht gemacht, in das Feld zu gelangen. Mit einer versperrten Pforte hast auch du nichts anfangen können. Wer kann schon mit einer versperrten Pforte etwas anfangen? Wieder eine rhetorische Frage. Wieder hast du keine Antwort gekriegt. Einfach drüber klettern. Das hat nicht funktioniert bei solchen Pforten.
Du hast sie einmal mitgenommen. Sie haben viel erwartet und sofort die Segelboote sehen wollen, von denen du erzählt hast. Die Pferde auch, haben sie gesagt. Die Pferde und die Strasse haben sie sehen wollen. Es war nicht dasselbe gewesen, wie in deiner Schilderung. Enttäuscht haben sie auf die dümpelnden Boote geschaut, von denen etlichen die Segel in Fetzen von den Masten gehangen haben. Der Gedankenwind ist nur noch ein leiser Hauch gewesen. Die Pferde haben gelahmt und die Strasse ist übersäht gewesen von Schlaglöchern, eines tiefer als das andere, in welchen sich die Pferde mit ihren überzähligen Beinen verfangen haben.
Du hast dich entschuldigt. Sie haben dir nicht geglaubt, dass es halt eben manchmal so sein kann. Dass nicht jedesmal die Pferde hart am Wind über die Ebene geflogen gekommen sind; ihre Nüsternsegel gebläht obwohl sie gegen den Wind gefahren sind, damit er ihnen die Mähnen in den Takelagen so richtig durchweht hat. Dass nicht jedes mal die Pferde auch zu Booten haben werden können, die mit vor Energie tänzelnden Motoren und schnaubenden Schiffshufschrauben quer über die Ebene galoppiert sind und in Herdenformation die Unmittelbarkeit des Rhythmus mit ihren Hufen auf die Wellenkämme eingestampft haben. Dass nicht jedesmal die Melodie sich auch mal in aufsteigenden Fontänen hat manifestieren können, die so hoch aufgestiegen sind, dass sie durch ihre schiere Unmöglichkeit begonnen haben sich im Puls zu verwinden, nur um danach in sich selbst aufzuschillern –
In unzählige Tropfen zersplittert sind die Boote danach dagelegen, sind vor Erwartung schäumend leicht auf und ab geschaukelt, die Nüstern haben sie gerefft, um mit segelknatternden Hufen auf die Nächste Fontäne zu warten.