„die paradoxe Erfahrung des delightful horror“ anhand des Beispieles der Alpen, nach Edmund Burke, Mai 2013

29/07/13

Einleitung

Die Alpen begannen im 18jh. eine Rolle zu spielen für den Tourismus. Obwohl zu dieser Zeit die Begehung, geschweige denn die Überquerung wohl noch sehr mühsam gewesen war. Liest man Edmund Burkes Ausführungen zur Thematik des Erhabenen, wird einem klar woher die Faszination für die Alpen herrührt. Bezeichnenderweise haben sie auch bei der Entwicklung dieser Philosophie des Erhabenen als Inspiration gedient. In seinem Buch „A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful“ zeig Burke anhand von einigen Beispielen und Eigenschaften, was seiner Meinung nach das Erhabene ausmacht. Ich werde im folgenden auf einige davon eingehen und versuchen darzustellen, wie die Alpen als sehr gutes Beispiel zur Veranschaulichung der Idee des Erhabenen dienen, in dem sie nämlich viele der Punkte erfüllen, die Burke aufzeigt. Ausserdem werde ich versuchen, die Punkte auch in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen.

Leidenschaften

Grösse. Nach Edmund Burke ist eine der intensivsten Leidenschaften die der Furcht. Die Furcht engt das Gemüt ein und raubt ihm all seine Kraft zu handeln und zu reflektieren. Das Gefühl der Furcht kann zum Beispiel durch die Grösse eines Dings ausgelöst werden. Allerdings sieht Burke auch ein, dass nicht zwangsläufig nur die Wirkung der räumlichen Ausdehnung dazu fähig ist Schrecken auszulösen und bringt hier das Beispiel von Schlangen, die trotz ihrer geringen Grösse Schrecken hervorrufen können. In diesem Abschnitt werden schon viele Überlegungen an gestossen. Denn es wäre ja einfach zu sagen, die Alpen seien erhaben, nur weil sie riesig sind und sich am Horizont als unüberwindbare Barrieren erheben. Trotzdem spielt die räumliche Ausdehnung eine wichtige Rolle und heute könnte man sagen, sind wir noch einen Schritt weiter gegangen, indem wir uns immer wie mehr auch mit noch grösserem als nur den Alpen beschäftigen und dort die Quelle für das Gefühl des Erhaben suchen. Man denke nur an die Versuche, die Planeten unseres Sonnensystems zu erforschen, oder gar das Universum zu kartografieren. Meldungen von Marsmissionen und Schwarzen Löchern im weiten All lassen sich gut vermarkten und ich denke niemanden lässt die Vorstellung davon völlig kalt, die diese extremen Dimensionen auslösen. Was ja eigentlich verwunderlich ist, da wir überhaupt kein Bezug dazu haben können. Ob ein neu entdeckter Planet so und so viel mal grösser ist als unserer, lässt sich gar nicht wirklich nachvollziehen, da wir meistens kaum über den eigenen Horizont hinaus zu denken vermögen. Aber hier spielt ein zweiter Punkt hinein, denn was wir nicht klar erkennen oder fassen können, kann uns gleichwohl mit dem Schaudern des Erhabenen erfüllen.

Dunkelheit. Die hohen Berge sind meist von dunklem Grau, häufig zerfurcht und in Folge ihrer steilen Felswände in tiefe Schatten getaucht. Dadurch, dass die Gipfel oft von einem Schneefeld bedeckt sind, entsteht ein eindrücklicher Kontrast. Das Erhabene zeigt sich dort, wo eine Sache nicht völlig klar erscheint, dort wo wir nicht auf den ersten Blick erkennen können, wie wir uns zu verhalten haben und wie sich die Reaktion auf unser Verhalten zeigen könnte. Das beruht darauf, dass Furcht durch diese Unsicherheit ausgelöst wird. Wir fühlen dort Gefahr, wo wir das uns bekannte verlassen und auf Dinge stossen, die sich uns nicht sofort erschliessen. Das ist ein natürlich angeborener Schutzmechanismus.
Burke versteht in diesem Abschnitt «Dunkelheit» relativ eng als Abwesenheit von Licht. Er beschreibt ein Beispiel, dass heidnische Tempel dunkel seien, um dadurch grösseren Eindruck auf deren Besuchende ausüben zu können. Ich sehe das gleich, Dunkelheit als Schwärze, als Abwesenheit von Licht, ist eine starke Quelle für Furcht und Unsicherheit, aus der das Gefühl des Erhabenen erwachsen kann. Ich würde allerdings noch einen Schritt weitergehen und Dunkelheit auch symbolisch als Unsicherheit, Uneinsehbarkeit verstehen. Damit meine ich beispielsweise unwegsames Gelände, das von Wäldern Felsen und Schluchten durchzogen ist. Es kann hellster Tag sein und trotzdem ist der Weg hindurch nicht einfach ablesbar, geschweige denn gangbar. Um wieder zurück zum Beispiel mit den Alpen zu kommen: Die Alpen sind nicht nur deshalb furchterregend, weil sie farblich dunkel und durchzogen von Spalten und Furchen sind, sondern meiner Meinung auch weil sie labyrinthisch verwinkelt sind und der optimale Weg hindurch, sich nicht sofort ablesen lässt. Dieser Unterschied in der Auslegung des Wortes «Dunkelheit» mag auch durch die zeitliche Differenz begründet sein. Wir sind es heute gewohnt, dass Wege ausgeschildert sind und wir Kartenmaterial haben, dass uns von A nach B führt. Auf der anderen Seite können wir uns Ausrüsten mit Taschenlampen, die einige Stunden Licht spenden, um uns auch bei Nacht weit ab der Strassenlaternen fortzubewegen. Die Dunkelheit als Abwesenheit von Licht hat in unserer Zeit nicht mehr eine so starke Bedeutung, wie sie zu Zeiten Burkes gehabt hat. Im Gegenteil, mir kommt die Dunkelheit in Form von fehlender Information eindrücklicher vor, weil wir uns von der steten Informationsverfügbarket mit einer Art von unbewusster Gewöhnung abhängig gemacht haben.

Lärm und Plötzlichkeit. Zu den sehr intensiven Eindrücken gehört auch der des riesigen Lärms. Diesem sei auch möglich, die Seele zu überwältigen, schreibt Burke. Auch wenn dieser Lärm plötzlich aufhört, wird unsere Aufmerksamkeit sofort auf dessen Abwesenheit gelenkt und wir verspüren eine Art Gefahr, wenn wir die Ursache für das Ausbleiben nicht erkennen können. Tosenden Wasserfälle sind ein gutes Beispiel als Verursacher von grossem Lärm. Bei Wasserfällen ist dieser Lärm auch Indiz für die extreme Kraft, die ihnen innewohnt. Lärm ist recht eng an die Vorstellung von Gefahr gebunden. Auch Schlachten sind laut und wenn wir uns bemerkbar machen wollen, um beispielsweise vor etwas lebensbedrohlichem zu warnen,  schreien wir, nicht nur um lauter zu sein als etwaige Quellen der Bedrohung, sondern auch, um mit unserer Stimme die Dringlichkeit zu transportieren. Die Bindung von Lärm mit Kraft lässt sich heute sehr interessant untersuchen. In der zeitgenössischen Musik gibt es viele verschiedene Strömungen, die mit sehr intensiven Lautstärken arbeiten. Schon normale Rockmusik muss laut sein. Der Lärm der dabei veranstaltet wird geht aber eigentlich nur zurück, auf die nur einige Millimeter weiten Schwingungen der Gitarrensaiten. Nachdem das Signal durch die Verstärker geschickt wurde, kommt eine Lautstärke heraus, die im Verhältnis zur physischen Energie, die darin steckt kaum nachvollziehbar ist. Noch extremer ist es bei der elektronischen Musik, deren physische Bewegungen wahrscheinlich kaum mehr Nanometer ausmacht, wenn die Elektronen vom einen Kontakt zum anderen transportiert werden. Diese Abwesenheit rein nachvollziehbarer physischer Energie muss ersetzt werden durch die Bühnenshow der Musikanten und der Lichttechnik, die suggerieren sollen, der Lärm der entsteht sei direktes Ergebnis des wahrgenommenen. Ich denke diese Notwendigkeit dem Lärm Rechtfertigung zu geben ist darauf zurück zu führen, dass wie auch bei Burkes Beispiel des Wasserfalls, in unserer Vorstellung Lärm immer ein Zeichen für intensive Energien bis hin zu Gefahr war.

Das Erhabene

In obigen Ausführungen habe ich einige der Leidenschaften aufgezeigt, die Burke als Quellen für das Empfinden des Erhabenen aufführt. Was führt nun dazu, dass wir beim Erleben jener Leidenschaften, die meist sehr intensiv sind und Lebensbedrohlich sein können, nicht total in Angst versetzt werden, sondern eben das Gefühl hervor gerufen wird, dass nach Burke die stärkste Bewegung ist, zu der unser Gemüt fähig sei? Meiner Meinung nach lässt sich das am besten mit «Abstand» bezeichnen. Solange wir nicht direkt involviert sind mit den Gefahren, die wir erblicken, können wir uns daran «erfreuen». Wir erschaudern zwar, aber es ist ein positives erschaudern, da wir es aus sicherer Entfernung geniessen können. Das ist so bei den Alpen als unwegsames Gelände, als karge Gesteinsmasse, die schon viele Todesopfer gefordert hat. Die Berge, die fast unüberwindbar am Horizont aufragen. Solange wir uns nicht in ihr unmittelbares Einflussfeld und in die Nähe von Felsstürzen, Lawinen und senkrecht herab fallenden Schluchten begeben müssen, lassen sie sich aus der Distanz mit einem Bewusstsein für die Gefahr bewundern. Der Selbsterhaltungstrieb wird angeworfen, kommt aber nicht unmittelbar zum Einsatz. Dadurch entsteht ein Gefühl wie ein Bewusstwerden der eigenen Existenz in einem Gefüge. Man nimmt sich wahr als kleiner Mensch im Alpenpanorama, oder heute in den unfassbaren Weiten der Galaxien. Dieses «An-die-Grenze» gehen ist es, was das Erhabene ausmacht.
Ich habe versucht in obigen Schilderungen bereits einige Beispiele zu geben, die zeigen dass diese Thematik auch heute noch eine Rolle spielt. Die Lust nach erhabenen Schaudern zeigt sich auch in den grossen Mengen an konsumierten Kriminalromane und Actionfilmen, in denen die Zuschauenden bequem im Sessel zurück gelehnt das ganze Spektrum von Tod, Gefahr, Spannung und Horror erleben können.