Zwischen Stuhl und Bank, Januar 2015

12/01/15

Zwischen Stuhl und Bank

Rittlings auf dem Stuhl sitzend – er hat mich hinaus getragen – blicke ich über das Bergpanorama, dort österreichische, hier liechtensteinische, entfernt die Bündner Berggipfel. Ich stehe auf, gehe einmal um das Haus herum wieder zurück zur Strasse. Draussen ist es kalt, die Sonne ist weg. Unten im Rheintal scheint alles schön geordnet durch Felder, Wege, Strassen und die Kanalisierung des Rheins. Ich blicke nach links die Strasse hinab, an deren Rand ich sitze, ein Gasthof, dort lodert ein grosses Feuer. Die Stühle sind herausgestellt, langgezogene Stühle, Bänke, deren Beine gut im Boden versenkt sind, stehen rund um ein loderndes Feuer, Geselliges ist im Gange.
Haben Bänke Beine? Dass dies bei Stühlen so ist, weiss ich. Die Beine sind meist recht elegant, proportional zum restlichen Stuhl sind es Linien; die Sitzfläche und die Rücklehne sind Flächen. Die Linie trägt die Fläche – das könnte von Kandinsky sein. Und an nur vier Punkten ist der Stuhl mit der Welt verbunden, möchte man nicht die jeweiligen Gesässe, welche es sich auf Stühlen bequem machen, als Zugänge zur Welt lesen. Bei Bänken sind die Proportionen anders, die Flächen sind länger, schmaler. Die Verbindung zum Boden wird oft trotzdem noch über wenige Punkte hergestellt. Eine Bank bietet Platz für mehrere Gesässe mit ihren ganz individuellen Zugängen zur Welt, auf Bänken lässt sich folglich gut diskutieren. Drüben auf der Terrasse des Gasthofs wurde vereinbart, nur Bänke zu besitzen. Man zeigt so die Zugehörigkeit zueinander. Ich gehöre nicht dazu, deshalb halte ich respektvoll Abstand zum Geschehen. Den Abstand lege ich mir zur Seite, vielleicht brauche ich ihn später noch. Schreiend versuche ich deine Aufmerksamkeit zu erlangen, nichts. Unterdessen hat es hinter dem Horizont gebrannt, in dieser Jahreszeit wie üblich um 17 Uhr etwa. Das Gesäss auf der Rückenlehne, die Füsse auf der Sitzfläche, sitze ich auf einem einfachen, funktionalen Stuhl. Er ist gut geerdet, er kippt nicht um. Als funktional gelten Stühle, wenn sie sich gut stapeln lassen, nicht etwa, wenn sie gemütliches Sitzen erlauben. Ihre Funktionalität, wie ich sie mir vorstelle, erlaubt es, aus ihren Grundelementen einige Hundert andere Formen zu kombinieren. Drüben auf der Terrasse bemerkst du mich endlich. Ich rücke mit meinem Stuhl ein wenig näher heran. Ich habe mir vorgestellt, so durch diese Berglandschaft zu schreien, wäre doch schon recht imposant.
Jetzt steht mein Stuhl neben deiner Bank, die aber nicht dir gehört, weil noch fünf andere darauf sitzen. Du fragst mich, ob mir aufgefallen sei, dass sich aus den Linien und Flächen, auf denen wir sitzen, das ganze Rheintal, fast jede schweizerische Flachlandebene nachzeichnen liesse? Ich verneine kopfschüttelnd, reisse meinem Stuhl in Gedanken die Beine aus. Multipliziere einige Male, was ich da vor mir habe. Linienhaufen und Flächenstapel. Die Anhäufung muss abgetragen werden. Meine Frage, ob du mir nicht helfen mögest, beantwortest du, indem du dir die Ärmel hochkrempelst. Wir legen die Bauteile so vor uns aus, dass sie dem Grundraster folgen, welches das Rheintal vorgibt. Längs des Rheins kommen eine ganze Anzahl an Stuhlbeinen zu liegen, daneben werden viele zur Bezeichnung der zahlreichen Wege und Strassen verwendet, die das charakteristische Gittermuster ergeben. Jetzt fügen wir die Sitzflächen und Rückenlehnen hinzu. Egal ob Kartoffelfeld oder Gewerbeparkplatz, wir decken alles ab. Es geht eine Weile so weiter, das grosse Feuer lodert munter, es wird regelmässig gefüttert. Jemand aus deinen Reihen wirft unbenutzte Bänke ins Feuer, die geben mehr her als mein Stuhl, denke ich für mich. Vor uns schält sich Schicht um Schicht, Linie um Fläche ein Bild aus dem Dunst. Mein Stuhl ist wie heute üblich aus reflektierendem Material gefertigt – gewesen. Die Elemente reflektieren das Mondlicht, falten die Dunstschleier fein säuberlich zusammen und legen sie zurück zwischen die Felsspalten. Nun ergibt sich ein freier Platz auf der Bank, ich springe ab von meinem Stuhl, setze mich neben dich. Ich spüre, wie die Verbundenheit mit der Welt nicht mehr nur meine eigene ist. Die zwei Bankpfosten multiplizieren kaleidoskopisch die Eindrücke, die herankommen, potentiell zur Anzahl Gesässe auf der Bank. Das ist mir ungewohnt. Du beruhigst mich, nimmst meine Hand. Das geht mir zu weit, du kommst mir zu nah. Ich erinnere mich an den aufgesparten Abstand, bin froh darum, rücke ein wenig ab, jetzt sieht es aus, als wären auf der Bank Plätze markiert, und ich begnügte mich mit meinem, während du den deinen mit einigen anderen teiltest. Schau, vor uns liegt das Bild ausgebreitet, eine Kartografie, die nicht das Gehen erzwingen will, sondern zum Ruhen bittet. Lass dich auf Diepoldsau nieder! Lagere hoch die Beine auf Haselstauden! Zur Aufforderung zugespitzt, schiessen diese Aussagen aus meinem Mund und kaum haben sie’s gehört, springen deine vorher so geselligen Sitzgenossen und Sitzgenossinnen, die Aussicht Geniessenden, auf und geschwind runter von den Bänken den Hang hinunter. Das Zetermordio, das sie veranstalten, wird von den Felshängen reflektiert, staut sich in den Talkesseln wie in Paukenbäuchen und wird zurück geworfen auf das von uns gezimmerte Gestühl, dieses beginnt leicht zu schwingen, klingt jetzt in seiner eigenen Frequenz mit. Rhythmus entsteht durch Schichtung. Linie für Linie zeichnen wir zusammen mit den Fingern nach, es sind Flächensaiten, welche die Spannung führen. Glücklicherweise sind wir zusammen über die Bank geerdet. Die Energie wäre sonst unerträglich, würde mir in die Beine fahren und mich zu einem jähen Veitstanz zwingen. Ich rücke wieder näher zu dir, die Sitzordnung löst sich auf –

Dank an Peter Weber und Michel Mettler